Einleitende Gedanken
Wenn Kinder in die Schule kommen, sind sie meist voller Begeisterung, auch wenn ein wenig die Angst mitschwingt, was jetzt auf sie zukommen wird. Sie bringen meist Lernfreude mit und wollen Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Zur Erhaltung dieser Freude und zur optimalen Förderung der Schulanfänger ist zu beachten, dass diese bezüglich ihrer Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen.
Welche und wie viele Erfahrungen sie bis zum Schuleintritt sammeln konnten, hängt sehr viel von der familiären Umgebung des Kindes ab. Gute sprachliche Förderung in der Familie, Interesse an Büchern, das durch Vorlesen hervorgerufen wurde, haben seine sprachlichen Erfahrungen positiv beeinflusst.
Spielmaterial, auch solches, das Ausdauer fördert, Informationen über Zusammenhänge sowie Erlebnisse unterschiedlicher Art (Wanderungen, Tiergartenbesuche, Aktivitäten verschiedenster Art) erweitern den Horizont des Kindes und verstärken die Lernbereitschaft.
Schulreife
Schulreife bezeichnet jenen Entwicklungsstand, der es dem Kind ermöglicht, sich die Kulturtechniken anzueignen und diesen Lernprozess in der Gruppe zu vollziehen.
 
1. Die körperliche Schulreife
 
Grobmotorik
  • Benutzt das Kind beim Begehen einer Treppe die Beine abwechselnd?
  • Kann das Kind den Ball prellen und ihn fangen?
  • Kann das Kind Körperstellungen richtig nachmachen?
  • Kann das Kind ohne Hilfe der Hände aus dem Schneidersitz aufstehen?
  • Kann das Kind gut rückwärts gehen?
  • Hält das Kind beim Einbeinstand das Gleichgewicht?
  • Kann das Kind hinknien und wieder aufstehen, ohne dabei seine Hände zu benützen?
  • Kann das Kind auf ein akustisches oder optisches Zeichen sein Laufen sofort abbrechen?
 
Feinmotorik
  • Kann das Kind sich alleine ausziehen?
  • Kann das Kind eine Schleife alleine binden?
  • Kann das Kind verschiedene Verschlüsse öffnen bzw. verschließen?
  • Kann das Kind Perlen auffädeln?
  • Kann das Kind geschickt Messer und Gabel benützen?
  • Kann das Kind Fingerstellungen nachmachen?
  • Kann das Kind mit der Schere auf Linien schneiden?
  • Fällt es dem Kind schwer, waagrechte und senkrechte Striche in verschieden große Zeilen zu setzen?
 
Taktil-kinästhetischen Bereich
  • Kann das Kind Berührungsreize (Augen sind geschlossen) lokalisieren?
  • Kann das Kind die gleichzeitig ausgeführten Berührungen (verschiedene Stellen) zeigen?
  • Kann das Kind verschiedene Materialien blind erkennen und benennen?
  • Kann das Kind nur mit den Händen verschiedene Formen erkennen?
 
2. Die geistige Schulreife
Schulanfänger befinden sich erst entwicklungspsychologisch gesehen in der Phase des naiven Realismus. Diese dauert etwa vom sechsten bis zum achten Lebensjahr eines Kindes. Als Teilleistungen werden die grundlegenden Fähigkeiten bezeichnet, die für Sprache und Denken notwendig sind. Somit bilden sie die Grundlage für Lesen, Schreiben und Rechnen, aber ebenso das situationsangepasste Verhalten basiert auf diesen Teilleistungen.
 
Aufmerksamkeit herstellen
  • Details aus Bildern beschreiben
  • Wege durch ein Labyrinth suchen
  • Überkreuzte Linien auseinandersuchen
  • Versteckbilder
  • Abpausen
  • Geschichte neben einer Geräuschkulisse erzählen
 
Optische und akustische Unterscheidung und Gliederung
  • Figuren auf Rasterbilder übertragen
  • Fehler suchen
  • Ähnlich klingende Wörter unterscheiden
  • Übereinanderliegende Figuren unterscheiden
  • Länge von Wörtern klatschen
 
Merk- und Speicherfähigkeit

Wahrgenommene Inhalte, mit welchen Sinnen auch immer, müssen gespeichert werden, d. h. das akustische und optische Kurz- und Langzeitgedächtnis setzt ein.

  • Spiel: "Rucksack packen"
  • Geschichten erfinden
  • Figuren und Farben zuordnen
  • Inhalte aus vorgelesenen Texten merken
 
Reihenfolgen und Zusammenhänge

Serialität ist die Fähigkeit, eine Reihe von Einzelelementen in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Vorauszuplanen, zu koordinieren ist nur dann möglich, wenn Reihenfolgen richtig wahrgenommen und behalten werden.

  • Bildgeschichten mit vertauschter Reihenfolge
  • Abläufe sachlogisch darstellen
  • Erlebnisse und Geschichten erzählen
  • Muster fertigstellen
 
Raumorientierung

Darunter ist einerseits die Fähigkeit zu verstehen, sich an der Bewegung am eigenen Körper zu orientieren (Körperschema), andererseits auch jene, sich im Raum zu orientieren (Raumorientierung). Aber auch das Erfassen der räumlicher Beziehungen von Dingen und das Umgehen damit (Bewegungs- und Handlungsplanung) sind in diesen Teilleistungen enthalten.

  • Bilder mit Links-Rechts-Unterscheidung
  • Hampelmann springen
  • Buchstaben mit dem Körper darstellen - Lautgebärden
  • Linien nachziehen
 
Die sozial-emotionale Schulreife
Dieser Bereich umfasst einerseits die Einordnungsbereitschaft des Kindes in eine soziale Gruppe, aber auch Voraussetzungen in gefühlsmäßiger Hinsicht und bezüglich seines Arbeitsverhaltens.
 
Gruppenfähigkeit
  • Kann das Kind mit anderen Kindern in sprachlichen Kontakt treten?
  • Reagiert das Kind verschüchtert, wenn es angesprochen wird?
  • Kann das Kind die Führerrolle anderer akzeptieren?
  • Kann das Kind auf andere Mitschüler Rücksicht nehmen?
  • Kann das Kind anderen Kindern helfen?
  • Kann das Kind die aufgestellten Regeln befolgen?
 
Gefühlsmäßige Sicherheit
  • Ist das Kind rasch enttäuscht und verliert so die Antriebskraft?
  • Kann das Kind Kritik und Misserfolg ertragen?
  • Hat das Kind Freude am eigenen Erfolg?
  • Benötigt das Kind viel Zuspruch?
  • Wagt sich das Kind an unbekannte Aufgaben heran?
  • Kann das Kind seine eigenen Bedürfnisse angemessen äußern?
 
Arbeitshaltung
  • Kann das Kind alltägliche Aufgaben allein erledigen?
  • Führt das Kind seine Aufgaben zügig durch?
  • Arbeitet das Kind nur unter intensiver Anleitung eines Erwachsenen?
  • Kann das Kind Gespräche aufmerksam verfolgen?
  • Stellt das Kind sachbezogene Fragen?
  • Kann das Kind sinnrichtig antworten?
Diese zusammenfassende Darstellung der Lernvoraussetzungen bei Schulanfänger verdeutlicht, dass die Schüler mit sehr unterschiedlichen Vorerfahrungen ihre Schullaufbahn beginnen. Die verschiedenen Modelle der Organisation der ersten Schulstufe ermöglichen eine Berücksichtigung dieser Vorerfahrungen. Individuell kann auf die einzelnen Schüler eingegangen werden.